65. Greifswalder Bachwoche vom 20. Juni – 26. Juni 2011
Ist die „Erstaufführung“ eines Oratoriums von Johann Sebastian Bach überhaupt möglich? Ja, und zwar gleich am ersten Abend der 65. Greifswalder Bachwoche! Damit beweist das älteste Bachfest des Nordens, dass es mit „65“ noch lange nicht in Rente geht, sondern mit immer neuen Ideen aufwartet. Das vom künstlerischen Leiter der Bachwoche, KMD Prof. Jochen A. Modeß, eingerichtete „Engeloratorium“ erklingt am 20.6. im Greifswalder Dom. Aus Kantaten- und Oratoriensätzen Bachs zusammengestellt, schildert das Werk den Weg Jesu von der Geburt bis zur Himmelfahrt – von Gottes Engeln geleitet. Spannend wird die Frage, wer dabei eigentlich die Solopartien singt, denn das winkt als Preis den erst tags zuvor öffentlich ermittelten jungen Preisträgern des internationalen Gesangswettbewerbs „cantateBach“. Prof. Modeß widmet das Werk der Mitbegründerin der Greifswalder Bachwoche, KMD Prof. Annelise Pflugbeil, zu ihrer 65. Bachwoche.
Den Höhepunkt bildet das grandiose Oratorium „A Child of Our Time“ (26.6.) von Michael Tippett, mit dem der englische Komponist seine gültige Form für den „Blues des 20. Jahrhunderts“ geschaffen hat, das Schicksal der politisch und rassisch Verfolgten. Reizvoll ist, dass Tippett darin auch bekannte Spirituals wie „Go down Moses“ und „Nobody knows“ erklingen lässt – mit großem Chor und Orchester!
„Eng-e-lisch“ in des Wortes doppelter Bedeutung ist das ganze Programm: „Engelsmusik“ erklingt in den täglichen Bachkantaten, im Orgelkonzert „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (20.6., 22 Uhr, St. Jacobi), im Kindermusical um den biblischen Bileam (23.6., 11.30 Uhr und 15 Uhr, Dom St. Nikolai), im Soloviolinkonzert mit John Holloway „De Angelis“ (26.6., 16 Uhr, Kirche Wieck) bis hin zu Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (25.6., 20 Uhr, Dom St. Nikolai).
Andererseits gibt es englische Musik, manche nur so genannt wie Bachs „Englische Suiten“ für Klavier (24.6., 16 Uhr, Aula), das meiste aber wirklich aus England stammend wie Händels ergreifendes Oratorium „Jephtha“ (22.6., 20 Uhr, Dom St. Nikolai), in dem ein Heerführer des Alten Israel den fatalen Eid ablegt, beim Sieg über die Feinde das erste Lebewesen zu opfern, dass ihm bei der Heimkehr begegnet. Natürlich kommt ihm seine geliebte einzige Tochter entgegen, aber Gott sei Dank – es gibt noch Engel!
Auch das erfolgreiche Jugend-Tanz-Projekt des Vorjahres in Zusammenarbeit mit dem BallettVorpommern wird „englisch“ fortgesetzt: „Ein Sommernachtstraum – frei nach William Shakespeare“. Pommersche Jugendliche tanzen zur Musik von Bach und englischen Komponisten (25.6., 12 Uhr, Dom St. Nikolai). Ein Hauch amerikanisches Englisch weht jazzig herein: Oscar Petersons „Easter Suite“ (25.6., 22 Uhr, St. Jacobi). Und der norwegische Chor „Vox Arctica“ bietet eine engelhafte Uraufführung: „CHRISTE, sanctorum decus Angelorum“ von Arne Dagsvik (23.6., 20 Uhr, St. Marien).
Kenner schätzen zudem die zahlreichen kammermusikalischen Leckerbissen wie die jährliche „Große Kammermusik“ mit dem Kammerorchester der Komischen Oper Berlin (24.6., 20 Uhr, St. Jacobi), diesmal u.a. mit Vaughan Williams’ „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“, Liebhabern von englischen Seefahrer-Filmen aus „Master and Commander: Bis ans Ende der Welt“ mit Russel Crowe bekannt. Das Stück zählt in England zu den beliebtesten klassischen Werken überhaupt, in der Popularität freilich weltweit überboten von der Air aus Bachs Dritter Orchestersuite, die ebenfalls zu hören ist. Ein besonderes Erlebnis dürfte der Liedernachmittag „Es stieg auch mir ein Engel nieder“ (23.6., 16 Uhr) mit der Altistin Saskia Klumpp und der Pianistin Anita Keller in der Uni-Aula sein. Neben Wagners „Wesendonck-Liedern“ erklingt ebenfalls viel Englisches, u.a aus den „Sea-Pictures“ von Edward Elgar. Wie man sich im 17. Jahrhundert „gefallene Engel“ vorgestellt hat, ist musikalisch nachzuempfinden beim Konzert „Satanas und sein Gethümmel“ (21.6., 16 Uhr, St. Jacobi) mit Kantaten und Kammermusik aus dem Umfeld von Georg Böhm. Den „leisen“ Auftakt der Bachwoche bildet diesmal der italienische Lautenvirtuose Francesco Romano am 20.6., 16 Uhr, in der Uni-Aula mit dem Konzert „Von sweet melancholy bis zur Suite Bachs“.
Rund 10.000 Besucher werden wieder zu den 44 Konzerten, Gottesdiensten und Kammermusiken erwartet. Zum „65.“ gibt es eigens eine Jubiläumsausgabe des Programmheftes mit zahlreichen Themenseiten zur Bachwochen-Geschichte, mit Interviews und vielem mehr. Als Geburtstagsgabe für die „Bachwochen-Gemeinde“ kann die ca. 250 Seiten starke Broschüre für eine Schutzgebühr von lediglich 1 € an den Abendkassen erworben werden.
Kartenvorverkauf in der Evangelischen Buchhandlung, Domstr. 19, und in der Buchhandlung Scharfe, Lange Straße 68.
Weitere Informationen zum diesjährigen Programm finden Sie auf der Homepage der Greifswalder Bachwoche.
